Harmonium-Konzert - Franz Poenitz

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Harmonium-Konzert

Für das Harmonium als Konzertinstrument sind die Stimmen der Berliner Musik-Kritik von weitgehender Bedeutung. Ein grösseres Konzert, welches der Tenorist Julius Gantzberg aus New-York am 11. April 1893 in Berlin gab, wurde unterstützt durch die Kgl. Kammervirtuosen und Kammermusiker Herren Felix Mayer, Franz Poenitz, Julius Nieselt und J. Sandow und die Konzertsängerin Frl. Helena Jahncke. Das Programm brachte neben wertvollen Gesangsleistungen mehrere Originalwerke für Harmonium in Verbindung mit Streichinstrumenten (Violine und Violoncell), — mit Klavier — und für Gesang mit Harmonium, so dass diese Aufführung gewissermassen als das erste Harmonium-Konzert in Berlin betrachtet werden kann. – Eine Reihe von Harmonium-Abenden soll folgen.

Herr Wilhelm Tappert schreibt im Kleinen Journal No. 105 am 17. April 1893: Schon zwanzig Jahre lang ist ein hiesiger Musikalienhändler, Carl Simon, bestrebt,  das Harmonium im Hause einzubürgern, als gleichberechtigtes Tonwerkzeug neben dem Klavier. Die wunderbare Wirkung im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten ist vielen unbekannt, sie glauben, das Harmonium gehöre lediglich in die Kirche. Dass es  auch in der Hausmusik einen Platz haben müsse, um durch seine Vorzüge Mängel des Klaviers zu ersetzen, leuchtet manchem nicht ein. Durch die Verbesserungen der letzten Jahrzehnte hat das Harmonium in Bezug auf Tonschönheit, Farbenreichtum  und Ausdrucksfähigkeit überraschend gewonnen; eine reiche Literatur ist unterdes  erschienen,  wertvolle Original-Kompositionen  und wirksame Bearbeitungen.  Als anerkannter  Meister auf diesem Gebiete gilt August Reinhard. Hauptverleger bleibt Carl Simon. Soviel uns bekannt, wurde in Berlin noch niemals ein Harmonium als Konzert-Instrument gebraucht.

Der 11. April wird die Bedeutung eines Merktages erhalten, denn am 11. April trat der Tenorist Herr Julius Gantzberg aus New-York auf und wurde in seinem gut  besuchten Konzerte u. a. durch Herrn Poenitz unterstützt, der aber nicht wie sonst die Harfe, sondern — und zwar mit der Sicherheit und Geschicklichkeit eines Virtuosen — das Harmonium spielte.  Auch selbstschöpferisch hat er seine  Vorliebe für dieses Instrument bethätigt: eine Sinfonietta für Harmonium, Violine und Cello, 3 Lieder für

Tenor mit Harmoniumbegleitung und „Traum im Walde", Melodie  für Violine und Harmonium, schmückten das reichhaltige Programm.
Die Hauptzierde bildete jedoch ein „Adagio und Rondo, Original-Komposition für Harmonium und Klavier" von C. M.  v. Weber.  Das war eine wirkliche  Novität und eine reizende dazu. Der Meister schrieb dieses Gelegenheitsstück im Jahre 1811 für Kaufmann, den bekannten Erfinder automatischer Musikwerke aus Dresden, welcher es am 13. Juni in München zum ersten Male auf seinem
„Harmonichord"¹ mit Orchesterbegleitung vortrug.

Das prachtvoll klingende Vierspiel-Harmonium, dessen sich Herr Poenitz bediente, war von Schiedmayer, auch der Konzertflügel, auf welchem Herr Bruno Dehn das Orchester ersetzte.

Webers Adagio und Rondo ist neuerdings in verschiedenen Bearbeitungen, alle von August Reinhard herstammend, bei Carl Simon gedruckt worden. Die köstlichen Melodien muten uns zum Teil wie alte Bekannte an, sie klingen so frisch, als wäre seit ihrem  Entstehen erst eine kurze Spanne Zeit dahingegangen. Herr Poenitz beherrscht das Instrument vollständig und enthüllte dem Zuhörer den ganzen Reiz dieser anziehenden Antiquität. ...

¹Ein  Vorläufer des heutigen Harmoniums.

 
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